2016 Via Claudia Augusta: Von Naturns nach Kaltern

Der Ruhetag hat uns gut getan und so sind wir heute wieder voller Tatendrang. Wir können es kaum erwarten wieder weiterzuziehen, wie die Nomaden und Vagabunden. Neue Eindrücke, neue Erlebnisse, neue Begegnungen, neue Abenteuer. Das ist, was uns antreibt.

Wir frühstücken im Hotel und satteln die Fahrräder.

NeuhofSabine möchte ein Gästehaus suchen, wo sie in ihrer Kindheit einige Urlaube verbracht hat. Darum nehmen wir den (Um)Weg über die hügeligen Weinberge in Richtung Plaus, statt den fallenden Radweg entlang der Etsch. Dort finden wir ein verlassenes Haus vor. Die Gastgeber sind leider schon verstorben und das Haus, das einstmals schöne Erinnerungen geprägt hat, ist verlassen. Traurig.

Plauser Totentanz

Seit 2001 ist der „Plauser Totentanz“, 18 Bildtafeln von insgesamt 36 m Länge, an der Friedhofsmauer der romanischen Kirche St. Ulrich, mitten im neugestalteten Ortskern von Plaus, zugänglich.

St. Ulrich Kirche - Plauser Totentanz

Als Auftraggeber zeichnen die Pfarrei und die Gemeinde Plaus, die mit dieser Südtiroler Rarität zugleich ein bleibendes, identitätsstiftendes Dorfzentrum geschaffen haben.

So entwirft der Künstler Luis Stefan Stecher in seinem Danse macabre ein kleines „Vinschger Welttheater“ in welchem er sowohl den „Karrner“, den Karrenzieher von damals, als auch den wilden Harley-Fahrer auf der berühmt-berüchtigten Plauser Geraden von heute aufteten lässt wie auch konkrete Persönlichkeiten Südtirols (u.a. Arnold Schuler, oder den verstorbenen Vinschgauer „Lottermaler“ Alois Kuperion), denn das uns mögliche „Spektakulum mundi“ währt nur kurz und für jeden gilt irgendwann:“Laich isch Laich, isch olm lai Laich – pann huamgian saimr olle gleich“. (Eine Leiche ist eine Leiche, ist immer nur eine Leiche – beim Heimgehen sind wir alle gleich.)

Plauser Totentanz

Nach einem welligen Auf und Ab, was im Höhenprofil kaum als Steigungen wahrgenommen wird, erreichen wir Töll. Dort beginnt wieder eine wunderschöne, rasante, lange und schlangenartige Abfahrt in Richtung Meran. Am Ende der Talfahrt führt der Weg an den Stromschnellen der Etsch entlang.

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Kurz nicht auf´s Navi geguckt und Sabine hinterhergefahren und wir landen in Meran-Mitte. Da wir schon des Öfteren dort waren, wollten wir eigentlich dem Radweg folgen, der an Meran vorbei führt. Kurzerhand machen wir kehrt und folden dem Track auf dem GPS.

Da es durch die Stadt mit vielen Kreuzungen geht, ist der Blick auf das GPS-Gerät jetzt öfter nötig. Prompt 1 Sekunde lang nicht aufgepasst, schießt ein BWM mit Münchner Kennzeichen von rechts nach links über die Straße und biegt in den Radweg ein, von dem ich mit gefühlten 30 km/h talwärts fahre. Als ich wieder aufblicke, waren es keine 10 Meter mehr bis zur bajowarischen Karre. Vor Schreck schreie ich ganz laut. Entweder hat er´s gehört oder er hat mich gerade noch aus dem Augenwinkel gesehen, jedenfalls bremst er rechtzeitig und ich schieße um Haaresbreite an der Kühlerhaube vorbei. 1/10 Sekunde sind hier von entscheidender Bedeutung gewesen, um einem Trümmerbruch des rechten Knies zu entkommen (im glücklichsten Fall).
Der Schreck sitzt erstmal tief in den Gliedern. Ich habe mir zwar Abenteuer auf der Reise gewünscht, aber nicht solche.

Es gibt nun zwei Routen:
Entweder den bequemen Weg entlang der Autobahn und der Etsch, oder den hügeligen Weg über die Bergdörfchen. Wir entscheiden uns für letztere Variante über die Hügel. Und ich würde jedem raten, diesen Weg zu fahren, denn er ist landschaftlich unglaublich abwechslungsreich. Bislang waren im Vinschgau die Apfelplantagen unser hauptsächlicher Wegbegleiter. Jetzt werden so langsam die Äpfelbäume gegen Rebstöcke eingetauscht. Hier beginnt der Weinbau und ab Bozen finden wir kaum noch Apfelplantagen.

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Bis jetzt tröpfelt es die ganze Strecke nur leicht, so dass man keine Regensachen benötigt und ohne Jacke fahren kann. Ab Frangart wandelt sich das Tröpfeln in echten Regen. Wir ziehen von der Regenjacke bis zu den Gamaschen alles an.

Jetzt geht´s auch wieder ca. 200 Hm aufwärts durch beleuchtete Bahntunnel. Die Radstrecke verläuft hier scheinbar wieder entlang einer ehemaligen Bahnstrecke. Wobei das schon recht steil ist für eine Bahntrasse. Mit den Regensachen jedenfalls kein großes Vergnügen, aber auf halber Strecke begegnen wir einer kleine Radler-Oase auf Kunstrasen. Wir dürfen unsere Räder unterstellen und im Freien, unter dem schützenden Dach, Kaffee und Kuchen genießen. Wir blicken dabei geradeaus auf die Burganlage Messner Mountain Museum, wo wir ein paar Jahre zuvor einen grandiosen Diavortrag von Reinhold Messner gesehen und gehört haben. Total beeindruckend, spannend und fesselnd wie ein Krimi. Wer in der Nähe ist, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Es hört wieder auf zu regnen, obwohl der Himmel noch voller Wasser ist. Weiter geht es bergan, nochmal durch einen langen Tunnel und über eine wunderschöne Hochebene mit Weinbergen so weit das Auge reicht, bis wir Kaltern erreichen.

Kaltern am See liegt im Süden Südtirols, eingebettet in Weinbergen zwischen den Gemeinden Eppan und Tramin. Das mediterrane Klima, der Kalterer See und der Südtiroler Wein prägen den Urlaubsort. Aus dieser Gegend stammt auch der Gewürztraminer Wein her. Der Name stammt von Tramin in Südtirol, wo Weine seit dem 11. Jhd. unter diesem Namen dokumentiert sind. Gewürztraminer ergibt sehr aromatische Weine, die im Duft an Rosenblüten und an Litschi erinnern.

Wir peitschen 200 Hm flott bergab zum Kalterer See und umrunden ihn nord-westlich. Auf der Talfahrt meint eine Biene, ihren Stachel in meinem Oberschenkel zu stecken. Ein tapferer Reiseradler kennt keinen Schmerz, beißt die Zähne fest zusammen, schreit nur innerlich ganz laut und fährt einfach weiter als ob nichts gewesen wäre. Die halbtote Biene flattert währenddessen im Fahrtwind noch eine Weile lustig am Oberschenkel hin und her, bis sich die Biene, vom Fahrtwind unterstützt, von ihrem Stachel trennt.

Kalterer See ist der wärmste natürliche See der südlichen Alpen. Eigentlich haben wir noch Körner um weiterzufahren, aber dieser See hat eine magische Anziehungskraft. So hören wir auf unsere innere Stimme und suchen uns hier eine Bleibe. Wir fragen einige Hotels und Pensionen, aber bekommen „leider belegt“ als Antwort. Direkt am See, mit eigenem Badestrand finden wir dann doch noch ein nettes Hotel Pension Klughammer. Aus einem Einzelzimmer wird mittels Beistellbett hurtig ein Doppelzimmer gemacht.

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Wir baden ausgiebig im See, die Sonne scheint jetzt wieder sehr kräftig.

Am Abend essen wir auf der Terrasse mit Blick auf den See und der dahinter liegenden traumhaften Bergkulisse. Der Gewürztraminer aus dieser Gegend rundet den Abend ab.

Life is good!

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Reisedaten: 70,85 km | Gesamtanstieg 758 Meter | Gesamtabstieg 1.093 Meter

Hier der Link zum aufgezeichneten GPS-Track.

Alle Fotos zu dieser Etappe: