07.06.2017 Jakobsweg: Von Barcelos nach Vitorino dos Piaes


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Erkenntnis des Tages: Freundlichkeit kann kleine Wunder bewirken

Bevor wir das Gästehaus verlassen, wird der Rucksack von unnötigem Ballast befreit. In der Eile habe ich versehentlich zu viel in den Rucksack gepackt und die Negativliste unserer Packliste außer Acht gelassen. Bevor sich das in Form von Blasen bemerkbar macht, trenne ich mich lieber jetzt davon.
Das Frühstück nehmen wir im Haupthaus vom Artotel ein. Ein Haus, welches sich der Kunst verschrieben hat. An den Wänden hängen echte Gemälde und überall das Wahrzeichen – der Hahn – in allen Größen und Farben. Geschlafen haben wir in einem dazugehörigen Gästehaus 100 Meter entfernt, welches nach einem Erstbezug riecht und sehr neu aussieht. Nach dem Frühstück laufen wir zurück zur Innenstadt, um den Einstieg in den Caminho zu finden und um das Nationalsymbol Portugals, den berühmten Hahn von Barcelos, zu bewundern.
Zahlreiche Legenden ranken sich um das charmante Barcelos, die berühmteste ist zweifelsohne die des Hahns, der zu Portugals Nationalsymbol wurde. Ein Pilger wurde eines Verbrechens beschuldigt und zum Tode verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuerte. Am Tage der Hinrichtung wollte er erneut den Richter sprechen. Dieser saß gerade beim Essen, einen gebratenen Hahn vor sich auf dem Teller. Der Pilger sprach: „So sicher wie ich unschuldig bin, so sicher wird dieser Hahn krähen, wenn ich gehängt werde.“ Und tatsächlich, während sich der Henker ans Werk machte, erhob sich der Hahn mit herrlichem Federkleid und lauthals krähend vom Teller. Seine Unschuld war dadurch bewiesen und der Pilger dürfte seine Reise fortsetzen.

Die Landschaft ist heute wundervoll. Eine sehr reizvolle und abwechslungsreiche Etappe, die durch zahlreiche kleine Dörfer und einige Eukalyptus-Wäldchen und Weinreben hügelig bergab und bergauf führt, mit steigender Tendenz.
Im Restaurant ‚Porzela de Tamel‘ werden wir von einem lustigen Zeitgenossen bewirtet, der die Pilger in gute Laune bringt. Fröhlich trällert er Lieder und gestikuliert sehr eindrucksvoll. Ein stolzer Portugiese der ein ‚Gracias‘ lächelnd ignoriert oder den Leuten humorvoll aber mit großem Nachdruck klar macht, dass man hier ‚Obrigado‘ zu sagen hat.

Nach der langen Pause geht es weiter durch die traumhafte Landschaft. Auf den letzten Kilometern gibt es einen Ort namens Bulagães. In diesem Ort, übrigens der Einzige bis jetzt auf dem Weg, wo es an jeder 2. Ecke einen Wasserhahn mit Trinkwasser gibt. Diesen nutzen wir einige Male, um unsere Kopfbedeckungen anzufeuchten. Auf diese Weise bewahren wir uns, im wahrsten Sinne, einen kühlen Kopf.
Unser Ziel ist das sagenumwobene ‚Casa Fernanda‘. Aus den Erzählungen anderer Pilger haben wir von diesem Ort bereits gehört und er ist uns mehrmals empfohlen worden. Man müsse sich jedoch darauf einstellen, dass man zunächst abgewiesen wird. Nach rund 22 km in der Hitze haben wir auch eigentlich genug vom Laufen und würden auch auf dem Rasen im wunderschönen Garten schlafen. Die nächste Herberge wäre auch 18 km entfernt.
Und tatsächlich, als wir ankommen werden wir zwar herzlich von Fernanda begrüßt, aber sie meint, sie habe keine Zimmer mehr, wir sollen uns aber gerne setzen und ausruhen. Sie bietet uns Bier, Wein und Wasser an. Wir setzen uns auf eine Holzbank und nehmen das Wasserangebot dankend und freudestrahlend an. Hier ist es wie im Paradies. Fernanda hat sehr viel zu tun, nimmt sich aber immer mal wieder Zeit für uns und stellt Fragen. Wie lange wir verheiratet sind, wie alt die Kinder sind, ob es der erste Caminho ist, woher wir kommen, wohin wir wollen, und so weiter. Wir loben das paradiesische Ambiente und fragen nach, ob wir vielleicht im Garten auf dem Rasen unseren Schlafsack ausrollen dürfen. Wir wären auch ohne Bett mehr als zufrieden. Hauptsache wir dürfen hier bleiben. Es ist ein Ort, wo man sich einfach sehr wohl fühlt. Im Garten steht ein Doppelbett, drumherum ein Pavillon aus Stoff und ein Dach wie ein Himmelbett.
Weiter hinten im Garten ein Haus mit mehreren Einzelbetten. Natürlich alles bereits belegt. Wir streicheln ihre Hunde, von denen sich 4 Stück im Garten von den Pilgern verwöhnen lassen.
Irgendwann wandeln sich die freundlichen Gespräche mit Fernanda in eine Spur Hoffnung. Sie wolle improvisieren, um uns unterzubringen.
Eine Viertelstunde später winkt sie uns ins Haus, wir sollen mitkommen und unsere Rucksäcke mitnehmen, aber die Schuhe vor dem Haus stehen lassen.
Wir trauen unseren Augen nicht, als sie uns ins Zimmer hinein führt. Es ist ein Doppelzimmer mit separatem Bad. Fast könnte man meinen, es sei ihr Ehebett, denn in den Schränken sind Kleider.
Die Freude ist unbeschreiblich. Sie ist so groß, dass die ein oder andere Träne über unsere Wangen fließt.
Nach uns kommen noch weitere Pilger, mit denen sie eine ähnliche Taktik anwendet. Manche haben nicht genug Freude im Gesicht und ziehen dann weiter. Für freundliche Pilger zaubert sie immer wieder neue geheime Betten hervor und macht Platz.
Selbst um 19:45 Uhr kommt noch eine Frau mit ihrer ungefähr 6 bis 7 Jahre alten Tochter, die dieselbe Strecke wie wir gelaufen sind. Allerdings barfuß, zu meiner großen Bewunderung. Das Mädchen macht einen durchaus glücklichen, sehr zufriedenen und aufgeweckten Eindruck.
Fernanda kocht für ca. 20 Pilger das ganze Abendmahl. Ich biete meine Hilfe zum Schälen der Kartoffeln an, aber sie schickt mich wieder raus zu den Pilgern – ich solle mich lieber mit den anderen Leuten unterhalten. Später kommt der Ehemann Jacinto von der Arbeit, zieht sofort die Kochschürze an und hilft Fernanda in der Küche. Auch die 16 jährige Tochter packt kräftig mit an. Die Pilger dürfen nur zusehen.
Das Abendessen ist unglaublich lecker, mit einer tollen Gemüsesuppe vorweg, Fleisch, Fisch, Hähnchen, Salat, Paprika, Tomaten, Kartoffeln und Reis. Alles was das Herz eines hungrigen Wanderers begehrt. Fernanda bietet den Pilgern ihr privates Haus mit Vollverpflegung auf Spendenbasis an. Ich möchte an dieser Stelle dazu aufrufen den entsprechenden Gegenwert in die Spendenbox zu werfen und einen angemessenen und vergleichbaren Preis für dieses Luxuspilgerhotel zu bezahlen! Woanders bezahlt man für so ein Komplettpaket locker 50 Euro pro Person und hat dann nicht dieses Ambiente und nicht diesen Unterhaltungswert inklusive. Öffnet Euer Herz wie Fernanda und seid bitte großzügig. Sie ist es auch!

Zum Abendessen gibt es Wasser und Vino Verde. Ein leichter, bekömmlicher und beschwingender Weißwein. Nach dem Essen kommt noch der Portwein und ein klarer Schnaps auf den Tisch. Es wird ein sehr lustiger Abend mit regem Austausch der Pilger. Es wird viel gesungen und gelacht.

Dieser Tag gehört zu den wunderbarsten Tagen unseres Lebens.



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