12.06.2017 Jakobsweg: Von O Porriño nach Redondela


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Erkenntnis des Tages: Leidensfähigkeit gehört zu den wichtigen Disziplinen

Die Federn der 1,40 Matratze bohren sich in unsere Eingeweide. Eigentlich hätte man die Matratze vor 10 Jahren schon austauschen müssen. Das Hostel befindet sich inmitten der Fußgängerzone, wo gestern ein Flohmarkt entlang der Straße statt fand. Die Aufräumarbeiten ziehen sich bis weit nach Mitternacht hin. Es hört sich an, als würde man ein Stahlgerüst abbauen und schwere Metallteile in einen LKW übereinander werfen. Immer wieder. Türen von Autos werden auf und zu geschlagen und kommen an und fahren weg. Dabei wird sich lauthals unterhalten. Drei Männer setzen sich nach getaner Arbeit noch an den Straßenrand und trinken ein paar Bier, erzählen und lachen in Volllautstärke. Einer davon klatscht vor Freude immer wieder laut in die Hände. Um 2 Uhr morgens ist das Spektakel dann vorbei. Allerdings hat meine Mitpilgerin heute einen sehr unruhigen Schlaf und die lange Kissenwurst für 2 Personen wird mir ständig unterm Ohr weggezogen. Im
schmalen Gang steht noch ein kleines Sofa, welches man zum Schlafsofa umbauen könnte. Aber nicht so. Zu wenig Platz im Flur (Foto). Kurzerhand das Sofa hochkant gestellt und die Klappmatrazen längs in den Flur gelegt. Um 2:30 Uhr kann ich endlich schlafen wie ein Murmeltier. Kurz aber intensiv. Um 7:30 Uhr klingelt allerdings schon wieder der Wecker. Eigentlich zu spät, denn auf diese Weise müssen wir in der Hitze laufen.
Heute geht es mir so, wie es Sabine gestern ging. Ich quäle mich vom ersten Kilometer an, mit dem kleinen Unterschied, dass Sabine meinen Rucksack leider nicht tragen will. 🙂 Die Kombination von großer Hitze, zu kurzen Schlaf und 26km Wanderung am Vortag mit streckenweise doppeltem Gepäck machen sich jetzt bemerkbar. Die Sohlen brennen bei jedem Schritt. Hoffentlich gibt es jetzt nicht noch dicke Blasen, denn es zwickt immer mal wieder an den Zehen und den Fußballen. Das ist kein gutes Zeichen. Es hat auch noch einen steilen Hügel zu überqueren. Wobei es aufwärts genauso steil geht, wie hinunter. Es ist heiß. Sehr heiß. Landschaftlich hat die heutige Etappe leider auch nicht sehr viel zu bieten. Die größten Strecken legen wir auf heißem Asphalt zurück. Auf dem höchsten Punkt lockt eine Bar, die 50 Meter vom Weg entfernt ist. Den Umweg würde man am Liebsten vermeiden und gleich weitergehen. Aber eine Pause ist jetzt genau richtig und auch wichtig, denn wir haben weder zu Essen und auch die Wasservorräte neigen sich dem Ende.
Wir machen eine Rast. Stiefel aus, Strümpfe aus und Füße inspizieren. Und siehe da, außer einer kleinen Blase seitlich am großen Zeh ist alles okay. Mit Leukoplast den Zeh eingewickelt, damit sich die Blase nicht weiterentwickeln kann. Nachdem unsere Sachen trocken sind und wir etwas gegessen haben geht’s weiter. Noch 6 km, teils steil bergab in der Hitze, dann haben wir es geschafft. Doch leider sind hier in Redondela die meisten Albergen geschlossen oder mit einem Code-Tastenfeld oder einer stummen Klingel ausgestattet, manchmal findet man auch einen Zettel mit Telefonnummern ohne Vorwahl, womit wir nicht weiterkommen. Wir werden von Pontius nach Pilatus in der Stadt umher geschickt, um eine Herberge zu finden. Letztlich hilft uns eine freundliche junge Apothekerin mit tollen Skizzen zu 3 verschiedenen Herbergen, wovon die zweite noch einen Platz in einem 15 Bett Zimmer hat. Ich bin heute froh, nach 20.6 km Schluss zu machen.

Ja, das Pilgerleben ist manchmal unbarmherzig … aber wir klagen auf hohem Niveau, denn es hätte alles viel schlimmer kommen können, denn viele Herbergen sind voll und wir haben gestern wenigstens noch eine alte Matratze bekommen und heute dürfen wir das Zimmer in der Herberge mit 15 Pilgern teilen.

Am Abend gehen wir noch durch die Stadt und sehen den vielen Frauen zu, die die Köpfe der Blumen für Fronleichnam abschneiden. Wenn die Prozession beginnt, müssen die riesigen Blumenteppiche mit allerlei Motiven über die Plätze und Gassen fertig gelegt sein (Fotos).

Früh ist des Pilger’s Ruh, drum machen wir die Äuglein zu.



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