16.06.2017 Jakobsweg: Von Padrón nach Santiago de Compostela


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Erkenntnis des Tages: Es gibt sie wirklich, die Engel vom Camino

Heute soll es 37 Grad im Schatten werden und wir haben ungefähr 25 km Wegtrecke vor uns. Drum sind wir schon um 6:30 Uhr hurtig in unsere Wanderstiefel gesprungen, um der Hitze möglichst lange zu entkommen und eine große Strecke in der Frische des Morgens zurückzulegen. Um diese Uhrzeit gibt es kein Frühstück, wir haben uns aber am Vortag ein Käsebrot machen lassen, um unterwegs zu frühstücken.
Nach den ersten Kilometern meldet sich der Magen zu Wort. Aber wenn wir jetzt schon die erste Pause einlegen, werden wir das später bereuen. Dann wird es so richtig heiß. Sabine packt ihre Stulle aus und isst während wir gehen.
Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass man ja auch mal nüchtern wandern könnte. Dieser Gedanke reift während des Laufens immer mehr heran, sodass ich jedes aufkommende Hungergefühl versuche zu ignorieren. Ich will auch wissen ob es möglich ist, 25km zu laufen ohne Energiezufuhr. Ganz neugierig geworden, will ich wissen wie man sich fühlt, während und nach dem Pilgern.

Bis auf kurze Abschnitte wandert man immer durch oder in der Nähe von Siedlungen. Der Großraum Santiago ist bald erreicht. Einige andere Abschnitte führen durch Feld, Flur und Wäldchen. Außer den 25km sind auch noch 460 Höhenmeter zu bewältigen. Wir kürzen heute unsere Stundenpause auf wenige Minuten ein. Auf diese Weise haben wir in 3,5h bereits die ersten 15km hinter uns gelassen. Ab 10 Uhr knallt die Sonne mit starker Kraft auf unsere Häupter.
Kilometer für Kilometer erkämpfen wir uns die Strecke den Hügel hinauf.
Erstaunlicherweise bekommt mir das Fasten beim Laufen ausgesprochen gut. Das Suppenkoma entfällt. Der Hunger verschwindet irgendwann. Fast hat man das Gefühl, das Blut ist jetzt dort wo es hin soll, nämlich in den Beinen und nicht im Magen. Es geht mir ohne Essen im Bauch besser als mit. Auch die mentale Kraft ist spürbar besser. Tolle Erfahrung.
Eine bittere Pille müssen wir allerdings schlucken, als wir irgendwann den 6,094km Grenzstein passieren und nach einem weiteren Kilometer auf einmal noch 7,664 km zu laufen sind. Scheinbar wurde der Weg umgelegt und ist dadurch länger geworden.

Auf die letzten 100km ab Tui gleicht der Camino einer Pilgerautobahn. Wir sind immer wieder umgeben von der „gelben Invasion“. Eine Gruppe mit kleinen Säckchen auf dem Rücken, die durch ein gelbes Shirt auffallen (Fotos). Es gibt aber auch ausgesprochen ruhige Momente, an denen man ein Stück für sich alleine läuft. Wir beobachten bei unserer 1. Rast an einer Albuerge einen Koffertransporter. Ich mache ein Foto vom Inhalt des Transporters. Riesige Koffer befinden sich darin. Mit dem Volumen eines Koffermonsters könnte ich 20 Jahre überleben. Im Augenblick als ich das Foto mache kommt der Fahrer, ein älterer Herr, der schweißgebadet ist und die schweren Koffer aus der Albuerge schleppt und in den Transporter verstaut. Er schüttelt nur verständnislos den Kopf und gibt uns zu verstehen, dass das schon die 2. Fuhre sei. Was hat das noch mit dem ursprünglichen Pilgern zu tun? Sollte man sich auf dem Jakobsweg nicht einmal auf das Wesentliche besinnen, zurück zu den Basics kehren und versuchen für eine Weile minimalistisch zu leben? Ich finde, das erdet und befreit ungemein, bei all dem Ballast und Überfluss, den wir tagtäglich mit uns herum schleppen. Die Qualen am Tage werden zur Freude am Abend. Es ist unheimlich befreiend, einmal NICHT alles zu haben. Das Leben kommt nach der Belastung immer in drei Schritten zurück. Das erste Drittel nach der Dusche. Das Zweite Drittel nach dem Abendessen und vollständig wiederhergestellt ist man nach dem Schlafen.
Die gelbe Pilgergruppe älterer Generation hat sich über die lange Distanz weit auseinander gezogen. Die Schnellen sind schon über alle Berge. Und dann gibt es diejenigen, die sich wackelnd und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam fortbewegen. Das Schlusslicht bilden 2 ältere Damen die sehr erschöpft wirken und von einem jungen Betreuer begleitet werden.Wir unterhalten uns eine Weile mit Ihnen und motivieren sie, denn das Ziel ist in greifbarer Nähe. Schließlich fängt eine der Beiden Damen das Singen und Tanzen eines spanischen Liedes an und verbreitet so gute Laune und wackelt dann beschwerlich weiter. (Foto)

 

Als wir den Hügel am höchsten Punkt erreichen, erscheinen in der Ferne, auf dem nächste Hügel, die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela. Ein Gänsehaut-Moment. Hier wird uns bewusst, dass wir es bald geschafft haben und es bald ein Ende hat. Nur noch wenige Kilometer zum Ziel.
Wehmut und Freude wechseln sich immer wieder ab. Einerseits froh es geschafft zu haben, andererseits ist es dann vorbei. Die schönen Erlebnisse, die wundervollen Begegnungen, die Schmerzen, die Freuden. Alles ist vorbei, wenn wir hier den Berg hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf laufen.
Kurz vor der Altstadt sammeln wir nochmal unsere Gedanken in einer Bar und trinken einen Kaffee.
Jetzt sind wir bereit die letzten paarhundert Meter zum großen Vorplatz der Kathedrale zu gehen.

Es ist ein unglaublicher Moment, den man in Worte nicht fassen kann, wenn man nach wochenlanger Arbeit am Ziel ankommt. Dazu an diesem wunderbaren Ort. Voller Stolz und Freude legen wir uns mitten auf den Praza do Obradoiro und lassen uns von Mitpilgern fotografieren.
Wir setzen uns nachher in den Schatten des Platzes und schauen dem Schmelztiegel der Nationen noch lange zu. Immer wieder gibt es Applaus und Freudenschreie, wenn sich Leute wiedersehen, die sich unterwegs getroffen haben.
So ist auch unser HALLO riesig, als die Mutter mit ihrem 8-jährigen, barfußlaufenden Kind auf dem Platz eintreffen. Sie haben es tatsächlich auch geschafft und wir gratulieren uns gegenseitig. Wir verweilen noch gemeinsam eine ganze Weile auf dem Platz und haben uns viel zu erzählen. Eine tolle Begegnung. Aber damit nicht genug.
Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg, um unsere Compostela abzuholen und eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Auf dem Weg dorthin haben wir schon bei einigen Pensionen nach Zimmern gefragt, aber alles ist belegt. Zudem ist der Akku des Telefons leer, um im Internet nach Zimmern zu suchen. Wir fragen auch Pilger, denen man ansieht, dass sie schon angekommen sind nach Hotels. Aber uns kann nicht weitergeholfen werden. Wir kommen im Pilgerbüro an und wir stehen ungefähr eine Stunde in der Warteschlange, um unsere Compostela zu bekommen. Die Füße brennen und schmerzen und wir haben kein Zimmer. Wir beraten, was wir tun, wenn wir hier nichts mehr bekommen. Im Geiste sitzen wir schon im Bus und fahren zur Stadt hinaus in ein entferntes Hotel. Aber auch zum Busbahnhof muss man laufen und dann vielleicht wieder. Unsere Stimmung ist gerade auf dem Tiefpunkt.
Als wir unsere Compostela in den Rucksack packen, kommen die Barfußläuferinnen, die Mutter mit ihrer 8-jährigen Tochter uns freudestrahlend entgegen. Sie winken mit Schlüssel und fragen uns, ob wir schon ein Zimmer gefunden hätten. Sie haben ein 3-Bett Zimmer, bräuchten aber zusammen nur ein Einzelbett und suchen Mitbewohner. Sie wollten sich aber das Zimmer gerne mit jemandem teilen, die sie kennen und mögen. So kommt es, dass wir am Ende ein einfaches Zimmer in einer Pension im 4. Stock mit direktem Blick auf die Kathedrale haben und das zusammen mit der unglaublichsten Begegnung unserer Reise: Den lieben Barfussläuferinnen.

Es gibt sie wirklich, die Engel des Camino.

Unser Engel des Camino

Das Mädchen dreht jetzt richtig auf und zeigt sich von ihrer besten Seite. Ein wenig glaube ich, in einen Pippi Langstrumpf Film transportiert worden zu sein. Das Wesen des Mädchens erinnert mich total daran.

Wenn es den Herrn Jacobus wirklich mal gegeben hat, so möchte ich mich für diesen Weg bei ihm bedanken.

Der Pilgervirus hat uns endgültig befallen. Ich würde ihn als einen der schönsten Krankheitserreger der Welt bezeichnen.



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