31.05.2018 Ostseeküsten-Radweg: Die Anreise nach Flensburg


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Erkenntnis des Tages: Ruhig ist anders …

Eigentlich haben wir genügend Zeit eingeplant. Die Satteltaschen sind ja schon gepackt und hängen an den Rädern, aber man vertut sich doch schnell mit der Zeit. Rein rechnerisch hätten wir am Bahnhof fast noch 1h Stunde Reserve. Am Ende der Fahrt zum Mannheimer Hauptbahnhof bleiben uns dann doch nur noch 20 Minuten, um Brötchen für die Fahrt zu kaufen, zum Bahnsteig zu fahren und den richtigen Wagon auf dem Wagenplan zu finden.

Aber es klappt alles wie am Schnürchen. Wir wissen gerade, an welchem Abschnitt wir einsteigen müssen und schon fährt der Zug ein. Alles „just-in-time“.

Beim Einsteigen erleben wir leider gleich unsere erste unangenehme Überraschung: Normalerweise kennen wir das so, dass man sich als Radfahrer gegenseitig hilft, möglichst schnell in den Zug zu kommen. Aber heute erleben wir es ein wenig anders: Während ich vor der Tür stehe und meine Satteltaschen abmontiere, schreit von hinten ein grimmiger Greis „Achtung!“ und drängelt sich vor. Ich frage ihn höflich, ob er das nicht kenne, dass man sich gegenseitig hilft, aber „keine Antwort“ … na gut! Wenn er sich lieber alleine quält, dann kann er das gerne so haben. Dann warten wir eben auch ganz geduldig, bis er sein schweres Rad in seinen Hochständer gehängt und sein Gepäck verstaut hat. Am Ende war er schweißüberströmt und ziemlich genervt. Vielleicht lernt er ja etwas daraus.

Wir haben einen schönen Sitzplatz und sogar durch die Glasscheibe unsere Fahrräder und unser Gepäck im Blick. Nur ein Flur trennt uns von unserem „Drängler“.

Wir verlieren aber weiter kein Wort. Nach ca. 1 h Fahrtzeit spricht mich der alte Herr an. Er erklärt mir den Grund seines Verhaltens. Er sei 76 Jahre alt und habe Hautprobleme, Schmerzen und Angst den Zug zu verpassen, denn letztes Jahr hatte er das gleiche Problem mit seiner Haut auf der Fahrt auf dem Jakobsweg nach Santiago und musste seine Reise deswegen abbrechen . Er musste dann in seiner Heimat in Rotterdam ins Krankenhaus. Das ist auch offensichtlich wahr, denn seine Haut sieht alles andere als gesund aus. Er hat uns seine Reiseroute mit dem Rad erklärt und hat sehr geschickt sein Fehlverhalten wieder gutgemacht und sich auch bei uns entschuldigt und uns die Hand gereicht. Wir haben die Entschuldigung selbstverständlich gerne angenommen.

Im Laufe der Zugfahrt hat sich das Gespräch regelrecht zu einem regen Austausch unserer Radreisen entwickelt. Er hat seine Rente wirklich genutzt, um die Welt zu beradeln. So kann sich ein unangenehmer Start doch noch zum Guten wenden.

In Bonn steigt dann eine Gruppe lustiger, grölender, junger Männer ein. Jeder von  ihnen hat eine Dose Bier in der Hand. Ein anderer schleppt die Paletten mit Bierdosen und Jägermeister hinein. Ein Kumpel trägt eine Bose-Soundlink-Lautsprecherbox, aus der gute und laute Musik dröhnt. Die Box wird zwischen die Stühle geklemmt, damit jeder im Abteil etwas davon hat. Wenige Minuten später ergrimmen sich die Gesichter bei manchen Fahrgästen. Zwei davon beschweren sich bei der Gruppe über die laute Musik. Einer der jungen Männer erwidert: „Ich versteh´ sie nicht, die Musik ist so laut!“ 🙂 Erzürnt laufen sie wieder von dannen. Wir nehmen es lieber mit Humor, wir waren schließlich auch mal jung und ich kann mich noch sehr gut an meine Schandtaten erinnernd. Außerdem entspricht die Musik genau unserem Geschmack. Ich beschließe, lieber ein Gruppenbild zu machen, was die Stimmung scheinbar weiter anheizt.

Eine Durchsage macht uns klar, dass wir mit ca. einer Stunde Verspätung wegen Gleisarbeiten rechnen müssen, somit schaffen wir den Anschluss in Hamburg nicht, denn dort hätten wir ca. 30 Minuten Zeit zum Umsteigen gehabt.

Die Zugbegleiterin versucht es später nochmal mit sehr gelassenen und freundlichen Worten, aber die Jungs sind einfach nur gut drauf und zwei Minuten später ist die Musik dann wieder genauso laut wie vorher. Vielleicht sogar noch lauter. Jedenfalls ist jetzt Leben in der Bude. Und es steigert sich von Stunde zu Stunde. Die kommenden Stunden verbringen wir mit Ohrenstöpsel im Ohr. Der Höhepunkt ist dann die Einfahrt nach Hamburg. Sie wird mit lautem Gegröle gefeiert. Hier müssen wir umsteigen. Die Betriebsamkeit auf dem Hamburger Hauptbahnhof ist im Vergleich zur Zugfahrt eine Oase der Ruhe.

Die Wartezeit dauert nicht so lange, denn wir finden bald einen Anschluss weiter nach Flensburg. Uns wird prophezeit, dass es wahrscheinlich fast unmöglich sein wird, mit den Rädern einen Platz zu finden. Der Zug sei ständig überfüllt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Außer eine Großfamilie mit Oma,  2 erwachsenen Töchtern und 4 schreienden Enkeln, die uns lautstark unterhalten haben, war es leer im Zug.

Ab Schleswig war der Zug fast leer. Himmlische Ruhe und das platte Land so weit das Auge reicht. Wir überqueren den Nordostsee-Kanal. Der Zug dreht eine riesige Schleife, um Höhe zu erreichen, damit die großen Dampfer hindurch passen.

Insgesamt sind wir 10h mit dem Zug unterwegs. Davon die meiste Zeit im Lärm. Wir sehnen uns nach der Ruhe auf dem Ostseeküsten-Radweg, Wind, Wellen und dem Meer.

Vom Bahnhof fahren wir noch 4km zum Zeltplatz, bauen unser Zelt auf und machen schnell die Augen zu. Unsere Nachbarn fahren mit den Motorrädern zum Nordkap und neben uns steht noch ein junger Mann, der auch mit dem Rad unterwegs ist.



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